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„Die Kollektivstrafe für russische Paralympics-Athleten ist problematisch und ungerecht“

Vor wenigen Tagen wurden alle russischen Behindertensportler für die kommenden Paralympics gesperrt. Darunter auch die aktuelle Weltmeisterin im Handbike-Zeitfahren, Svetlana Moshkovich, die vom Sportwissenschaftler Dr. Ralf Lindschulten in Hannover trainiert wird. „Natürlich wollen wir alle ehrlichen und fairen Sport. Aber alle russischen Athleten nur wegen ihrer Herkunft und wegen Vergehen anderer Sportler über einen Kamm zu scheren und zu bestrafen, ist problematisch und eben nicht fair“, sagt Lindschulten. Der Trainer fordert eine differenziertere Entscheidung sowie mehr Kontrollen im internationalen Behindertensport.

Hannover, 12. August 2016. Fünf Jahre harte Arbeit und gezieltes Training mit Ralf Lindschulten haben Svetlana Moshkovich schon viele Erfolge beschert – zuletzt den Weltmeistertitel im Handbike-Zeitfahren 2015. Doch auf ein Highlight ihrer Sportlerinnenkarriere muss die 33-Jährige nun verzichten: Für die kommenden Paralympics in Rio de Janeiro vom 7. bis 18. September wurde die Behindertensportlerin gesperrt, genauso wie alle ihre Landsleute. Grundlage für die umstrittene Entscheidung des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC), das Nationale Paralympische Komitee Russland (NPC Russland) zu suspendieren, ist der sogenannte McLaren-Report, der massive Verstöße gegen das Dopingverbot feststellte und sogar ein „russisches Staatsdopingsystem“ konstatiert.

Svetlana Moshkovich nicht ins russische Sportsystem involviert

Die in Krasnojarsk in Sibirien geborene Handbikerin ist allerdings nicht in russische Sportstrukturen involviert, sondern lebt im österreichischen Innsbruck. Seit fünf Jahren arbeitet sie mit Lindschulten zusammen, wird von ihm trainiert und ist regelmäßig zur Leistungsdiagnostik in Hannover. „Nie ist hier Außergewöhnliches aufgefallen, die Trainingswerte und Daten sind auf konstantem Niveau, sie ist nie auch nur in Verdacht geraten, unerlaubte Mittel für ihren Erfolg einzusetzen“, so Lindschulten. Und weiter:

„Ich stimme Sir Philip Craven vom IPC völlig zu, wenn er sagt, dass der Sport ohne Fairplay verloren habe. Aber genau deshalb finde ich es problematisch, den russischen Behindertensportverband von den Paralympics in Rio auszuschließen, ohne alle Folgen zu bedenken und ohne differenzierter zu entscheiden. Denn:

  • Der Ausschluss des Sportverbandes kommt im Ergebnis einer Kollektivstrafe für alle russischen Athleten mit Behinderung gleich. Kollektivstrafen sind mit einem aufgeklärten Rechtsempfinden nicht zu vereinbaren.
  • Svetlana trainiert seit Jahren täglich auf die Spiele in Rio hin – und sieht nun aktuell in den Olympischen Wettbewerben Sportler aus den USA, China oder Russland starten, die Doping-Sperren hinter sich haben. Sie als unschuldige Athletin hingegen sieht sich ausgeschlossen von den Paralympics, nur weil sie Russin ist. Das trifft sie hart. Durch einen einzigen, sportpolitisch motivierten Beschluss sind damit fünf Jahre gezielte und auch kostenintensive Vorbereitung auf einen Schlag dahin.
  • Argumentiert wird mit gefälschten oder verschwundenen Dopingproben bei den Winterspielen in Sotschi, ohne die Sportler zu nennen. Es ist anzunehmen, dass es sich hier um Wintersportler in Russland handelt und nicht um Athleten, die für die Sommerspiele in Rio qualifiziert sind – das ist nicht vergleichbar.

Um nicht missverstanden zu werden: Niemand will Staatsdoping in Russland verharmlosen. Aber hier ist eine Sportlerin betroffen, die mit russischen Sportstrukturen nichts zu tun hat. Fairplay heißt doch, Ungerechtigkeiten zu verhindern. Der Ausschluss von Svetlana Moshkovich von den Paralympics ist ungerecht. Sicher, das ist ein Sonderfall. Vermutlich nicht der einzige. Und sicher hat die Kontroverse zwischen IPC und IOC viele Facetten. Aber am Ende dürfen Sportverbände nicht den Eindruck erwecken, dass ihnen die Konsequenzen für den einzelnen Sportler egal sind, der ohne jede eigene Schuld Opfer der von anderen angestrebten politischen Korrektheit wird.“

Forderung: Mehr Kontrollen im internationalen Behindertensport

Der hannoversche Sportwissenschaftler macht sich zugleich dafür stark, Dopingkontrollen bei Behinderten-Wettkämpfen deutlich auszuweiten: „Nach meinem Kenntnisstand gab es weder bei den letzten Paralympics in London noch bei der letzten WM 2015 überhaupt Kontrollen in den Handbike-Klassen. Hier hängt das IPC den eigenen Ansprüchen deutlich hinterher. Ich würde mir wünschen, dass mindestens die Erst-, Zweit- und Drittplatzierten kontinuierlich kontrolliert werden.“

Lindschulten mit Team aus sechs Nationen in Rio vor Ort

Russland hat gegen die Suspendierung Einspruch beim Internationalen Sportgerichtshof CAS eingelegt. Eine Entscheidung, ob Svetlana Moshkovich doch noch nach Rio fahren darf, fällt bis spätestens 27. August. Dort würde sie dann auch ihren Coach treffen, der mit einem voraussichtlich achtköpfigen Handbike-Team aus sechs Nationen vor Ort ist. Zum Team des 42-Jährigen gehören unter anderem der Vize-Weltmeister Vico Merklein und die Weltmeisterin Christiane Reppe.

Ralf Lindschulten und Svetlana Moshkovich bei der Handbike-WM 2015

Ralf Lindschulten und Svetlana Moshkovich bei der Handbike-WM 2015

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